Ein Erfahrungsbericht aus zwei Perspektiven – ohne politische Wertung, aber mit klarem Blick auf pädagogische Verantwortung.

Einleitung

In vielen Kitas arbeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen, Überzeugungen und biografischen Prägungen zusammen. Das ist bereichernd – kann aber herausfordernd werden, wenn politische Haltungen im Team sichtbar werden.
Dieser Artikel zeigt anhand zweier fiktiver Kolleginnen, A und B, wie politisch-gesellschaftliche Ansichten und der gesetzliche pädagogische Auftrag auseinanderzuhalten sind. Ohne Bewertung einer Partei und ohne politische Empfehlung. Der Fokus liegt ausschließlich auf:

  • professionellem Umgang,
  • pädagogischer Verantwortung,
  • und der Frage, wie Teamatmosphäre trotz unterschiedlicher Meinungen stabil bleiben kann.

Zwei Kolleginnen – zwei Perspektiven

Im Folgenden schildern wir zwei Blickwinkel, die viele pädagogische Fachkräfte aus eigener Erfahrung kennen. Es geht nicht darum, wer „recht“ hat, sondern darum, wie man sich gegenseitig begegnen kann, ohne die gemeinsame Arbeit zu gefährden.

1. Kollegin A: „Ich merke, dass mich ihre Wahlüberlegung beschäftigt.“

Kollegin A ist seit Jahren in der Kita-Branche. Sie versteht sich als reflektierte, werteorientierte Fachkraft und nimmt ihren Auftrag ernst:

  • Kinderrechte vermitteln
  • Vielfalt wertschätzen
  • demokratische Grundwerte leben
  • Familien unterstützen – unabhängig von Herkunft, Kultur oder Lebensform

Als ihre Kollegin beiläufig erwähnt, dass sie überlegt, eine bestimmte Partei zu wählen, reagiert A innerlich irritiert. Nicht, weil jemand anders denkt, sondern weil sie sich fragt:

„Wie kann man diese politische Richtung und unsere pädagogische Grundhaltung gleichzeitig vertreten?“

Sie will keinen Streit, keine Grundsatzdiskussion und schon gar nicht Spaltung. Trotzdem arbeitet es in ihr.
Die Frage, die sie beschäftigt, lautet weniger: „Welche Partei?“, sondern vielmehr:
„Wie passt das mit unserem gesetzlichen Auftrag zusammen – Vielfalt schützen, Diskriminierung vermeiden, Partizipation fördern?“

A ringt mit sich, ob sie das Thema ansprechen soll. Sie möchte professionell bleiben, aber auch ehrlich.
Das Spannungsfeld ist klar spürbar: politische Orientierung (privat) vs. pädagogische Verantwortung (beruflich).

2. Kollegin B: „Ich wünsche mir Verbesserungen im Kita-System.“

Kollegin B erlebt den Kita-Alltag aus einem anderen Blickwinkel. Ihr geht es vor allem um strukturelle Belastung und die Hoffnung auf politische Veränderung. Sie fühlt sich oft allein gelassen mit:

  • zu großen Gruppen,
  • Personalmangel,
  • fehlender Zeit für Bildungsarbeit,
  • zu viel Bürokratie,
  • wenig politischer Rückendeckung.

Sie sagt sinngemäß:
„Ich wünsche mir eine Partei, die endlich ernsthaft etwas für die Kitas tut und Familien stärkt.“

B meint damit:

  • bessere Arbeitsbedingungen,
  • stärkere Unterstützung der Eltern,
  • klare Ansagen zur Bildungspolitik,
  • mehr finanzielle Mittel für Qualität.

Ihr politisches Interesse richtet sich also auf Verbesserungen im System, nicht auf ideologische Auseinandersetzungen. Für sie ist die erwogene Parteiwahl weniger Ausdruck einer Weltanschauung als vielmehr:
„Ich will, dass sich etwas ändert. Irgendjemand muss doch endlich etwas tun.“

Sie ahnt nicht, dass ihre Bemerkung Kollegin A innerlich beschäftigt.

Der Kern des Konflikts: zwei Ebenen, die oft vermischt werden

Wenn politische Aussagen im Team fallen, vermischen sich schnell zwei Ebenen:

1. Private politische Meinung

– individuell, persönlich, geschützt durch Meinungsfreiheit
– entsteht aus Erfahrungen, Sorgen und Hoffnungen
– hat im Kollegium keine Bewertung zu erfahren, solange sie nicht den professionellen Auftrag beeinträchtigt

2. Pädagogischer Auftrag

– ist nicht verhandelbar
– basiert auf Kinderrechten, Anti-Diskriminierung, Bildungsplänen, Demokratieförderung
– gilt unabhängig davon, wen eine Fachkraft privat wählt oder sympathisch findet

Das Problem entsteht nicht durch die politische Haltung selbst, sondern durch die Sorge von Kollegin A, dass Wertvorstellungen aus dem Privatleben Einfluss auf die pädagogische Arbeit haben könnten.

Was sagt das Kita-System klar und eindeutig?

Ganz ohne politische Wertung kann man festhalten:

Pädagogische Fachkräfte sind verpflichtet zu:

  • Weltoffenheit und Vielfalt
  • Gleichwürdigkeit aller Menschen
  • Inklusion
  • Schutz vor Diskriminierung
  • Demokratiepädagogik
  • Wahrung der Kinderrechte
  • Partizipation

Diese Punkte stehen in:

  • den Bildungsplänen der Länder,
  • dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG),
  • den Leitbildern der Träger.

Das bedeutet:
Egal, welche Partei jemand privat wählt – die pädagogische Grundhaltung ist gesetzt und darf nicht aufgeweicht werden.

Wie kann Kollegin A sachlich bleiben, ohne ihre Werte zu verleugnen?

1. Gefühle erkennen, aber nicht überreagieren

A merkt, dass sie irritiert ist – das ist legitim. Entscheidend ist, wie sie damit umgeht.

2. Nicht moralisch argumentieren – sondern fachlich

Ein Beispiel für eine wertschätzende, professionelle Formulierung:

„Mich hat neulich unser Gespräch beschäftigt. Nicht wegen deiner politischen Meinung, sondern weil ich mir Gedanken mache, wie unterschiedliche Sichtweisen zu unserem pädagogischen Auftrag passen. Darf ich dir sagen, welche Punkte mich irritiert haben – rein fachlich?“

3. Nachfragen, statt urteilen

„Was meinst du konkret mit ‚Qualität verbessern‘? Welche Maßnahmen stellst du dir vor?“

Damit öffnet A den Raum, ohne zu belehren.

4. Gemeinsamer Bezugspunkt: das Kind

Wenn beide Kolleginnen argumentativ dorthin zurückkehren, entsteht keine Front:

  • Was dient dem Wohl der Kinder?
  • Was stärkt Familien?
  • Was verbessert die Arbeitsbedingungen?
  • Was entspricht dem Bildungsauftrag?

5. Politische Aussagen nicht ins Pädagogische ziehen

Wichtig für A:
B sagt nicht: „Ich will diese Werte im Kita-Alltag“. Sie spricht über Wahlprogramme – ein politischer Bereich, der getrennt vom Kita-Auftrag stehen muss.

Wie kann Kollegin B Rücksicht nehmen, ohne sich rechtfertigen zu müssen?

B kann ebenfalls professionell reagieren:

„Ich wollte dich nicht verunsichern. Mir geht es rein um Kita-Qualität und das, was ich mir erhoffe. Unsere pädagogische Haltung bleibt natürlich die gleiche – da gibt es für mich keine Abstriche.“

Damit signalisiert sie:
Ihre politische Hoffnung beeinflusst ihre Arbeit nicht.

Häufige Missverständnisse in solchen Situationen

1. „Wenn jemand Partei X wählt, arbeitet er automatisch gegen Kinderrechte.“

→ Nicht zwingend. Privatwahl =/= berufliches Handeln.

2. „Ich muss mich politisch erklären.“

→ Nein. Politische Entscheidungsfreiheit ist geschützt.

3. „Wir dürfen darüber gar nicht reden.“

→ Doch – solange es wertschätzend und freiwillig bleibt.

4. „Professionell bleiben heißt schweigen.“

→ Nein. Es heißt sachlich bleiben und den Fokus auf das Kita-Mandat legen.

Was hilft beiden Kolleginnen, wieder Ruhe in das Thema zu bringen?

1. Die klare Trennung:

  • Privat: politische Vorlieben
  • Beruflich: pädagogische Pflichten

2. Der gemeinsame Nenner:

Beide wollen gute Kita-Qualität.

3. Transparenz:

B erklärt, dass ihre politische Sympathie aus Belastungserfahrungen kommt – nicht aus einer ideologischen Haltung.

4. Vertrauen:

A kann beobachten, wie B weiterhin wertschätzend, inklusiv und professionell arbeitet. Das zählt mehr als jede politische Aussage.

5. Reflexion:

Beide dürfen unterschiedliche Meinungen haben, solange sie den gemeinsamen Auftrag tragen.

Fazit: Unterschiedliche politische Haltungen müssen kein Risiko für die pädagogische Qualität sein

Dieser Fall zeigt, wie sich politische Ansichten und berufliche Verantwortung berühren können – aber nicht zwangsläufig in Konflikt enden müssen.

Wichtig ist:

  • Niemand muss seine politische Meinung rechtfertigen.
  • Niemand muss politische Aussagen gutheißen.
  • Jeder muss den pädagogischen Auftrag erfüllen.
  • Vielfalt der Meinungen ist normal – Vielfalt in der Kita gesetzlich verankert.

Wenn Kollegin A und B offen, respektvoll und fachlich miteinander sprechen, können sie ihre Zusammenarbeit sogar stärken:
durch Verständnis, Differenzierung und das Bewusstsein, dass pädagogische Professionalität immer Vorrang hat.