Und warum sie für das Kindeswohl nicht nebensächlich sind

Pädagogische Arbeit lebt von Haltung, Beziehung und Reflexion. Viele Situationen im Kita-Alltag entstehen nicht aus böser Absicht, sondern aus Zeitdruck, Personalmangel, Überforderung oder eingefahrenen Routinen. Gerade deshalb lohnt es sich, immer wieder innezuhalten und das eigene pädagogische Handeln bewusst zu betrachten.

Nicht mit dem Ziel, Schuldige zu finden – sondern um zu verstehen, wie unser Verhalten auf Kinder wirkt und welche Rahmenbedingungen wir mitgestalten, oft ohne es zu merken. Denn Kinder reagieren sensibel auf Atmosphäre, Tonfall, Präsenz und Struktur. Was für Erwachsene Alltag ist, kann für Kinder Orientierung oder Überforderung bedeuten.

Dieser Artikel richtet sich an Fachkräfte, die bereit sind, ihr pädagogisches Handeln wohlwollend, aber ehrlich zu reflektieren. Die Beobachtungen und Gedanken sind nicht als Bewertung einzelner Personen zu verstehen, sondern als Einladung, grundlegende pädagogische Prinzipien wieder in den Blick zu nehmen – insbesondere dort, wo Stress, Lautstärke und Unruhe den Alltag bestimmen.

Denn gute Pädagogik zeigt sich nicht nur in Konzepten oder Angeboten, sondern vor allem in der Art, wie wir da sind: für Kinder, für Kolleg:innen und für uns selbst.

In der pädagogischen Praxis begegnen Fachkräfte immer wieder Situationen, in denen Abläufe funktionieren – aber Haltungen fehlen. Dabei sind es oft nicht einzelne „Fehler“, sondern strukturelle Muster, die sich negativ auf Kinder (und Fachkräfte) auswirken.

Im Folgenden möchte ich zentrale Beobachtungen bündeln und pädagogisch einordnen.

1. Lautstärke als vorherrschendes Kommunikationsmittel

Beobachtung

Kinder werden häufig durch lautes Rufen, Befehle oder scharfes Ansprechen reguliert. Erwachsene geben Anweisungen aus der Distanz, oft ohne Blickkontakt oder begleitende Präsenz.

Pädagogische Einordnung

Kinder regulieren sich nicht durch Lautstärke, sondern durch Beziehung und Vorbild. Eine dauerhaft laute Erwachsenenkommunikation führt zu:

  • erhöhter Stressreaktion im Nervensystem
  • Nachahmung lauter Verhaltensweisen
  • geringerer Selbstregulation bei Kindern

Studien zur Co-Regulation zeigen klar:
👉 Je ruhiger und präsenter Erwachsene sind, desto ruhiger werden Kinder.

Warum das wichtig ist

Dauerstress beeinträchtigt Lernfähigkeit, Impulskontrolle und emotionale Sicherheit. Lautstärke ersetzt keine Beziehung.

2. Fehlende Präsenz der pädagogischen Fachkraft

Beobachtung

Erwachsene stehen häufig mit dem Rücken zur Gruppe, sind organisatorisch gebunden (Schreiben, Küche, Wege), während Kinder allein gelassen werden. Regeln werden benannt, aber nicht begleitet oder nachgehalten.

Pädagogische Einordnung

Kinder – besonders im Vorschulalter – brauchen sichtbare, ansprechbare Präsenz. Pädagogische Verantwortung bedeutet:

  • bei den Kindern sein
  • Übergänge begleiten
  • Verhalten mitgehen, nicht nur kommentieren

Anweisungen ohne Begleitung erzeugen Unsicherheit und Widerstand.

Warum das wichtig ist

Kinder brauchen Orientierung durch verlässliche Erwachsene, nicht durch Zurufe aus der Distanz.

3. Unklare Strukturen und überladene Räume

Beobachtung

Gruppenräume wirken unübersichtlich, Materialien sind nicht beschriftet oder sortiert, Aufräumstrukturen fehlen. Kinder wechseln ständig zwischen Tätigkeiten, ohne Abschluss.

Pädagogische Einordnung

Ein strukturierter Raum ist ein stiller Erzieher. Ordnung bedeutet nicht Strenge, sondern:

  • Reduktion von Reizen
  • Klarheit über Erwartungen
  • Selbstständigkeit der Kinder

Überladene Räume überfordern besonders:

  • impulsive Kinder
  • sensible Kinder
  • Kinder mit Förderbedarf

Warum das wichtig ist

Kinder können nur Ordnung entwickeln, wenn sie äußere Ordnung vorfinden.

4. Fehlende Begleitung in Übergangssituationen

Beobachtung

Übergänge (Mittagessen, Ruhezeit, Aufräumen) verlaufen chaotisch, ohne klare Struktur oder pädagogische Führung.

Pädagogische Einordnung

Übergänge sind für Kinder hoch sensible Phasen. Sie brauchen:

  • klare Rituale
  • vorhersehbare Abläufe
  • emotionale Begleitung

Ohne diese entstehen Unruhe, Konflikte und Regelverstöße.

Warum das wichtig ist

Viele „auffällige“ Verhaltensweisen entstehen nicht im Spiel, sondern in schlecht begleiteten Übergängen.

5. Ruhezeiten ohne echte Ruhe

Beobachtung

Während der Ruhephase herrscht weiterhin Unruhe, Kinder laufen umher, leise Angebote fehlen oder sind unklar.

Pädagogische Einordnung

Ruhe ist kein Zustand, der „angeordnet“ werden kann. Sie entsteht durch:

  • klare Rahmung
  • leise, strukturierte Angebote
  • präsente Erwachsene

Bücher oder Angebote verlieren ihre Wirkung, wenn sie gegen das Gruppengeschehen „ankämpfen“ müssen.

Warum das wichtig ist

Kinder brauchen echte Regenerationsphasen, um emotional stabil zu bleiben.

6. Fehlende Wertschätzung im Erwachsenenverhalten

Beobachtung

Der Umgangston unter Erwachsenen ist rau, hektisch oder abwertend. Praktikant:innen übernehmen diese Haltung.

Pädagogische Einordnung

Kinder lernen Beziehung durch Beobachtung. Der Umgang der Erwachsenen miteinander prägt:

  • Konfliktverhalten
  • Sprachmuster
  • soziale Kompetenz

Ein rauer Ton im Team wird unweigerlich zum rauen Ton unter Kindern.

Warum das wichtig ist

Pädagogik beginnt im Team – nicht erst beim Kind.

7. Mangel an ruhigen, kleinschrittigen Angeboten

Beobachtung

Es fehlen einfache, strukturierende Angebote für unruhige Kinder. Materialien sind entweder nicht zugänglich oder nicht vorhanden.

Pädagogische Einordnung

Nicht jedes Kind braucht Bewegung – manche brauchen Fokus.
Kleingruppenangebote wie Sortieren, Legen, Malen oder strukturierte Tischangebote helfen bei:

  • Selbstregulation
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Stressabbau

Warum das wichtig ist

Unruhe ist oft ein Zeichen von Überforderung – nicht von „Ungehorsam“.

Fazit: Haltung vor Handlung

Pädagogische Qualität zeigt sich nicht in Programmen, sondern in:

  • Haltung
  • Präsenz
  • Struktur
  • Beziehung

Veränderung beginnt dort, wo Fachkräfte bereit sind, ihr eigenes Handeln zu reflektieren, nicht dort, wo Kinder angepasst werden sollen.

Abschließender Gedanke

Kinder brauchen keine perfekten Kitas.
Sie brauchen Erwachsene, die hinschauen, begleiten und Verantwortung übernehmen.